Peru – Costa, Celva, Sierra and back

Published in Waves & Woods Issue No.

Peru ist nach Brasilien und Argentinien flächenmäßig das drittgrößte Land in Südamerika. Die Möglichkeiten sind endlos. Geschichten über atemberaubenden Berge, wilden Dschungel und perfekte Wellen machen uns neugierig und so tauschen wir kurzerhand unseren geplanten Indo Trip gegen sieben Wochen ins Unbekannte. Die Rucksäcke sind voll. Neben Surfequipment, brauchen wir Wanderschuhe, Zelte und jede Menge Mückenspray. Peru teilt sich in drei, landschaftlich Regionen die nicht unterschiedlicher sein könnten. Die extrem trockene Küstenregion (Costa), den Regenwald (Selva) und die Berge der Anden (Sierra). Wir wollen alles. 20 Stunden und etliche Gin Tonics später erreichen wir die Hauptstadt Lima von wo aus unsere Reise beginnt. 

COSTA

Wir biegen in einen kleine Gasse, das Taxi rollt die letzten Meter, bis zu dem Punkt an dem der löchrige Asphalt langsam in eine Wüste übergeht. Wir sind überrascht dass wir es überhaupt bis hier her geschafft haben, ganz ohne spanisch. Zusammen mit unseren viel zu schweren Boardbags gehen wir Richtung Meer. 17 Std. hat uns die Fahrt zur längsten linken Welle der Welt gekostet. Ob es das Wert war? Die Promenade und der Point liegen direkt unter unserem Balkon. Kleine Wellen schälen sich entlang der Sandbank und verschwinden irgendwann in der nächsten Bucht. Obwohl es zu dieser Jahreszeit eher unüblich ist, hoffen wir dass Chicama für uns aus der Sommerpause erwacht. Die Gassen sind menschenleer, noch haben wir keine anderen Gringos gesehen. Wir mieten uns Quads um die Gegend zu erkunden. Mit einem müden Lächeln gibt uns der alte Peruaner zu verstehen dass wir die nächsten 60 Minuten machen können, was wir wollen. Keine vorgeschriebenen Wege, keine Regeln, keine Helme. Ein Stück ungewohnte Freiheit. Fast 4 km sind es vom obersten Take-Off Point bis zu unserem Hostel. Am Abend machen wir uns zum ersten mal auf den langen Fußweg. Mit einer handvoll anderen surfen wir hüfthohe Wellen in peruanischer Perfektion. Die Sonne verschwindet in der Ferne hinter den Hügel und wir sind gespannt was uns morgen erwartet. Als wir am nächsten Morgen aufwachen und uns vom Balkon aus die ersten kopfhohen Sets entgegen Rollen kann uns nichts mehr halten. 30 Minuten später springen wir ins Wasser und paddeln. Und wie wir paddeln, die Strömung trägt uns schnell den Point hinunter. Wir surfen unsere ersten Wellen und treffen die ersten Gringos, die uns lässig in motorisierten Schlauchbooten überhohlen und einige Meter weiter vom Boot ins Line-Up springen. Für 50 SOL, also rund 15 Euro, bekommt man hier 3 Stunden Shuttle Service. Wir gehen zum Frühstück, 3 Eier, 3 Brote und Kaffee. Natürlich Instant. Dann springen wir nochmal ins Wasser. Die erste Welle bringt mich innerhalb kürzester Zeit zurück zum Hospedaje. Ich renne zurück zum Point und Paddel wieder raus. Die zweite Welle bringt bringt mich zum Hospedaje und noch ein Stück weiter. War das die längste Welle meines Lebens? Die dritte Welle bringt mich, vorbei am Hospedaje, vorbei an dem Punkt wo ich vorher aus dem Wasser gekommen bin und noch ein Stück weiter. Jetzt bin ich mir sicher: Das war die längste Welle meines Lebens! Zwei Wellen später sitze ich wieder auf unserem Balkon. Drei Tage geht das so. Wir surfen, essen, surfen, schlafen. Das Dorf in dem wir uns befinden gibt nicht mehr her. Aber das muss es auch nicht. Nach ein paar Tagen packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Weg gen Norden. Wir steigen in einem billigen Hostel ab, schon morgens wummert der Bass und die Ersten sitzen mit ihren Mojitos am Pool. Mancora ist unter Peruaner bekannt für wilde Partys und Strandurlaub, doch inmitten der unzähligen Strandbars schält sich ein perfekter Linker Point im warmen Wasser. Der Norden Perus wird vom kalten Humboldtstrom verschont und hat fast das ganze Jahr über Boardshort Temperaturen. Die Swells die hier ankommen treffen fünf oder sechs Tage vorher auf das North Shore Hawaiis wo vor wenigen Tagen die Peahi Challenge stattgefunden hat. Hier gibt es zwar keine Monster Wellen mehr, aber dafür 6ft bei 20sek und Offshore! Die Stimmung im Line-Up ist gewöhnungsbedürftig. Verkaterte Peruaner und hilflos herumtreibende Gringos machen nicht den besten Mix. Doch sobald die ersten großen Sets durch die Bucht rollen dünnt sich das Line-Up aus. Mit einer Handvoll andern und leisen Cumbia Rhythmen im Hintergrund teilen wir uns ein Set nach dem anderen bis uns die Kraft ausgeht. Drei Tage später verlassen wir die Stadt und machen uns auf den Weg in den Dschungel.

 

 

CELVA

Es dauert zwei Tage und kostet uns eine Menge Nerven bevor wir es nach Yurimaguas schaffen. Yurimaguas ist das „Tor zum Dschungel“. Unser Ziel: der Pacaya Samira Nationalpark im Amazonasbecken. Der einzige Weg dorthin führt per Frachtschiff über den Rio Huallaga. Zusammen mit alten Kühlschränken, Hühnern und säckeweise Reis tuckern wir durch den Regen. Aus unseren Hängematten heraus beobachten wir die vorbeiziehende Landschaft und sind gespannt was uns erwartet. In einem kleinen Dorf am Rand des Nationalparks gehen wir von Board. Mittlerweile sind wir zu viert, ein Österreicher und eine Belgierin begleiten uns. Am nächsten Morgen machen wir uns zusammen mit unseren Guides auf den Weg in den Dschungel. Wir beladen das Kanu und paddeln los. Mit jedem Meter verdichtet sich das Grün um uns herum, bis wir schließlich die letzten Zeichen der Zivilisation hinter uns lassen. Nach 3596 Paddelzügen biegen wir um eine Ecke und vor uns liegt eine kleine Hütte im Wald. Wir legen an und werden von drei älteren Peruanern, die gerade den Fang des Tages vorbereiten, begrüßt. Zum Frühstück gibt es Reis mit frisch gefangenem Piranha und frittierten Bananen. Gut gestärkt geht es weiter, tiefer in die Selva. Zum Sonnenuntergang erreichen wir unser Lager. Eine kleine Lagune, die ihre Arme in alle Richtungen streckt, mittendrin unser Haus auf Stelzen – die Vögel zwitschern, das Wasser spiegelt die Farben des Himmels und irgendwo in der Ferne kreischen die Affen. Idylle pur. Die nächsten Tage erkunden wir mit dem Kanu den umliegenden Regenwald. Wir trinken aus Baumwurzeln, essen unbekannte Früchte und lernen viel über das bedrohte Ökosystem der Selva. Die Zeit hier kommt uns vor wie eine Art Urlaub im Urlaub, keine lauten Motoren, kein Wifi. Nicht einmal Strom gibt es. Doch die Idylle trügt. Obwohl das Pacaya Samira Reserve mit über 2. Mio Hektar Fläche das zweitgrößte, geschützte, Reservat Perus ist, wird hier seit Jahrzehnten Öl gefördert. In Gegenden die für Touristen und Umweltschützer unerreichbar sind wird immer wieder von illegalen Abholzungen, kaputten Pipelines und regelrechten Seen aus Öl berichtet.

Die Verschmutzungen und Verunreinigung die mit den Bohrungen einhergehen sind nicht nur eine Bedrohung für die über 700 verschiedenen Tierarten die hier leben, sondern auch für die Menschen die diese Gegend Ihre Heimat nennen. Als wir 4 Tage später mit Mückenstichen überseht den Rückweg antreten, fragen wir uns: was kommt als nächstes?

 

 

Sierra

Zum Glück kann man durch die verdunkelten Scheiben nur erahnen was neben der Straße liegt. Seit ein paar Stunden windet sich der Bus über eine schmale Passstraße viel zu schnell in die Dämmerung. Es regnet und wird mit jedem Kilometer den wir zurück legen kälter. Vor uns liegt Huaraz, die Stadt in den Bergen. Die 3200m Höhenunterschied sind deutlich spürbar als wir unser Gepäck durch die nassen Straßen tragen. Es dauert bis wir uns akklimatisiert haben aber zwei Tage später sind bereit für unsere Trekking Tour in der höchsten tropischen Gebirgskette der Welt. Die Cordillera Blanca trennt die feuchte Regenwaldregion Perus von der trockenen, wüstenähnlichen, Pazifik Küste. Früh am nächsten Morgen machen wir uns mit dem Collectivo auf den Weg nach Yungay, die Stadt, die einst von einer gigantischen Schneelawine überrollt wurde. Und wieder steigen wir in ein Collectivo, das uns immer tiefer in den Huarascaran Nationalpark bringt. Die Straße geht langsam von nicht asphaltiert in nicht befahrbar über und schlängelt sich in steilem Zickzack in die Cordillera. Immer wieder blitzen die beiden Gipfel des Nevada Huascaran (6768m), dem höchsten Berg Perus durch die dreckigen Scheiben.

Die ersten Stunden der Wanderung führen uns über einfache Wege durch kleine Siedlungen bis zum letzten Check-Point des Nationalparks. Die dünne Luft macht uns langsam. Als es beginnt zu dämmern schlagen wir unser erstes Lager neben einem kleinen Bach auf. Das Gewitter, das wir seit einiger Zeit in der Ferne hören, kommt immer näher, bis es sich schließlich direkt über unseren Köpfen entlädt. Am nächsten Tag steht die Überquerung des Punta Union Passes bevor. Wir folgen einem Weg, der sich durch den Regen der letzten Nacht in einen kleinen Bach verwandelt hat. Der Aufstieg ist hart. Wir befinden uns auf über 4200m und unsere 15kg Rucksäcke werden mit jedem Schritt schwerer. Drei Schritte. Pause. Drei Schritte. Pause, bis wir erschöpft die letzten Meter über den Pass zurücklegen. Vor uns liegt ein scheinbar endloses Tal mit Feldern, Flüssen und Bächen. Zu unserer Rechten eine türkisblaue Lagune umrahmt von schneebedeckten Gipfeln. Ich lasse meinen Rucksack fallen und setze mich. Der Wind peitscht uns ins Gesicht. Nach wenigen Minuten auf dem 4759m hohen Pass zwingt uns Hagel und zunehmender Wind zum Abstieg. Die erste Hälfte der Tagesetappe ist geschafft. Aber es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Unser Ziel: Das Refugio Talipampa. Erstaunlicherweise erreichen wir den Lagerplatz im Trockenen. Sogar die Sonne scheint jetzt. Wir bauen unser Zelt auf, trocknen unsere durchnässten Klamotten und kochen. Wie jeden Abend gibt es eine Tasse reis mit Sojasauce. Um uns herum grasen wilde Pferde und Kühe. Zusammen mit dem unglaublichen Gipfelpanorama und den vielen kleinen Bächen, die das grasgrüne Tal durchziehen ergibt sich ein fast schon kitschiges Bild, das nur durch den aufziehenden Regen gestört wird. Das sanfte Tröpfeln auf unserer Ultra-Light Zelt verwandelt sich in ein immer stärker werdendes Trommeln. Als ich meinen Kopf durch den Reissverschluss stecke, prasselt mir dicker Hagel ins Gesicht. Innerhalb von wenigen Minuten ist alles um uns herum mit einer dünnen Schicht weiß überzogen. Noch vor Sonnenaufgang packen wir unsere Sachen für die nächste Etappe. Während wir Frühstücken kämpfen sich die ersten Sonnenstrahlen über die Cordillera. Für ein paar Minuten verziehen sich sogar die Wolken um den Alpamayo und der „schönste Berg der Welt“ zwinkert uns zu. Die Sonnenstrahlen tauchen die Ebene, über die wir wandern in ein saftiges Grün. Vor uns der Alpamayo, hinter uns der durch Paramount Pictures bekannte Artesonraju. Ein paar Stunden später erreichen wir die Laguna Arhuyacocha (4420m).

Schneebedeckte 6000er und ein Gletscher, der nahtlos in eine riesige tiefblaue Lagune übergeht. Zeit für die erste und einzige Dusche. Danach gibt es Cocatee und eine Zigarette. Wir steigen ab in das Tal. Vor uns liegt eine Wüste aus hellen Steinen, durchzogen von kleinen Bächen, die aus den umliegenden Gipfel entspringen. Langsam verschwindet die Sonne und die ersten Wolken ziehen auf. Ein kleiner, windschiefer Holzverschlag bietet uns das perfekte Lager für den bevorstehenden Regen und die letzte Nacht auf unserer Wanderung. Gerade noch rechtzeitig bauen wir unser Zelt auf, dann beginnt es heftig zu Regnen. Wir sitzen mit unserer Tasse Reis unter dem löchrigen Holzdach und genießen unser Abendessen. Das sanfte Rot der Regenwolken verwandelt sich in ein knalliges Orange, dicke Regentropfen prasseln vom Himmel und die Wolken rasen über unsere Köpfe. Dann wird es dunkel. Früh am nächsten Morgen kriechen wir aus unserer Pfütze und packen ein letztes Mal unsere Rucksäcke. Erschöpft laufen wir die letzten Kilometer bis zu den Toren des Huarascaran Nationalparks.

 

Wie schon vor sieben Wochen sitzen wir auf dem Dach unseres Hotels in Lima. Jetzt müssen wir uns, in gebrochenem spanisch, von unseren Freunden verabschieden. Ein letztes mal packen wir unsere Rucksäcke. Dann machen wir uns auf den Weg zurück.

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